Schweiz reist mit 65-Prozent-Ziel an die COP31: Hält der Heimkurs dem Anspruch stand?
An der COP31 fordert die Schweiz mehr Erneuerbare, Effizienz und den Übergang weg von fossilen Energien. Zu Hause muss sie zugleich ihren 65-Prozent-Pfad bis 2035 belegen.

Vom 9. bis 20. November verhandelt die Welt in Antalya über den Klimakurs. Eine Schweizer Scorecard trennt internationale Forderungen, inländische Sektorpfade, Klimafinanzierung und anrechenbare Auslandsminderungen.
Die Schweiz reist im November 2026 mit einem klaren Anspruch an die Weltklimakonferenz COP31: bestehende Beschlüsse umsetzen, erneuerbare Energien schneller ausbauen und den Übergang weg von fossilen Energien vorantreiben. Gleichzeitig muss sie erklären, wie der eigene 65-Prozent-Pfad bis 2035 erreicht werden soll. Der Bundesrat verabschiedete das Verhandlungsmandat am 19. August. Die Konferenz findet vom 9. bis 20. November im türkischen Antalya statt; Bundesrat Albert Rösti soll die Schweiz in der zweiten Woche auf Ministerebene vertreten.
Was die Schweiz international fordert
Das Mandat setzt stark auf die Umsetzung bereits gefasster Beschlüsse. Dazu gehören die Verdreifachung der weltweit installierten Kapazität erneuerbarer Energien und eine Verdoppelung der Rate der Energieeffizienzverbesserung bis 2030. Bis 2050 soll der Übergang weg von fossilen Energien gelingen. Die Schweiz will zudem Regeln und Transparenz stärken, damit Staaten nicht nur neue Ziele ankündigen, sondern über reale Fortschritte berichten.
Dieser Fokus ist nachvollziehbar: Klimakonferenzen beschliessen regelmässig Ziele, deren Wirkung erst durch nationale Gesetze, Investitionen und Kontrollen entsteht. Ein diplomatischer Text senkt noch keine Emissionen. Entscheidend ist, ob Stromnetze, Gebäude, Verkehr, Industrie und Finanzierung mit dem angekündigten Pfad übereinstimmen.
| Zeithorizont | Schweizer Position oder Ziel | Prüffrage |
|---|---|---|
| Bis 2030 | Erneuerbare Kapazität weltweit verdreifachen; Effizienzfortschritt verdoppeln | Werden Projekte, Netze und Bewilligungen schnell genug umgesetzt? |
| 2031–2035 | Im Durchschnitt 59 Prozent weniger Schweizer Treibhausgasemissionen als 1990 | Wie gross ist der inländische Anteil pro Sektor? |
| Bis 2035 | Mindestens 65 Prozent weniger als 1990 | Welche Massnahmen schliessen die verbleibende Lücke? |
| Bis 2050 | Übergang weg von fossilen Energien und Netto-Null-Pfad | Wie werden Restemissionen und Senken bilanziert? |
Das 65-Prozent-Ziel richtig lesen
Der Schweizer Klimabeitrag, das sogenannte NDC, nennt für 2035 eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um mindestens 65 Prozent gegenüber 1990. Für die Jahre 2031 bis 2035 gilt zudem ein durchschnittlicher Reduktionswert von 59 Prozent. Die Ziele sollen primär mit inländischen Massnahmen erreicht werden. «Primär» bedeutet jedoch nicht automatisch ausschliesslich: Internationale Kooperationen können weiterhin eine Rolle spielen, müssen aber nach transparenten Regeln angerechnet werden.
Die beiden Prozentwerte widersprechen sich nicht. 65 Prozent beschreibt den Zielpunkt 2035. Der Durchschnitt von 59 Prozent verhindert, dass ein Staat bis kurz vor Schluss auf einem höheren Emissionsniveau bleibt und erst im letzten Jahr stark reduziert. Für eine ehrliche Bilanz müssen deshalb sowohl der Jahreswert 2035 als auch der Verlauf der fünfjährigen Periode betrachtet werden.
Ein weiterer Stolperstein ist die Bezugsgrösse. «65 Prozent weniger» bezieht sich auf das nationale Emissionsniveau von 1990, nicht auf den heutigen Wert und nicht auf den weltweiten Ausstoss. Zudem können Regeln zu Luftfahrt, Landnutzung, Senken und im Ausland erzielten Reduktionen beeinflussen, welche Mengen in welcher Bilanz erscheinen. Die technische Dokumentation ist daher ebenso wichtig wie die politische Schlagzeile.
Wo der Schweizer Heimkurs belastbar werden muss
Ein nationales Klimaziel wird in einzelnen Sektoren erfüllt. Gebäude brauchen weniger fossile Heizenergie, der Verkehr muss seinen Ausstoss reduzieren, Industrieprozesse müssen effizienter oder fossilfrei werden, und die Stromversorgung muss zusätzliche Nachfrage decken. Wälder, Böden und technische Senken können Restemissionen ausgleichen, sind aber kein Ersatz für vermeidbare Emissionen.
- Gebäude: Sanierungsrate, Wärmepumpen, Wärmenetze und der Ersatz fossiler Heizungen.
- Verkehr: Fahrzeugflotte, Ladeinfrastruktur, öffentlicher Verkehr und tatsächlich gefahrene Kilometer.
- Industrie: Prozesswärme, Elektrifizierung, Effizienz und schwer vermeidbare Emissionen.
- Strom: Ausbau von Solar-, Wasser- und weiteren erneuerbaren Quellen sowie Netzen und Speichern.
- Landwirtschaft und Senken: Methan, Lachgas, Waldleistung und robuste Anrechnung.
Eine aussagekräftige Schweizer Scorecard sollte für jeden Sektor Ausgangswert, aktuelles Niveau, Zielpfad und beschlossene Massnahmen nebeneinanderstellen. Nur so wird sichtbar, ob eine Lücke durch bereits geltendes Recht geschlossen wird oder ob weitere politische Entscheide nötig sind.
Warum die globale Temperaturprognose alarmierend bleibt
Der Bund hält im Mandat fest, dass die gegenwärtigen weltweiten Verpflichtungen eher zu einer Erwärmung von 2,3 bis 2,5 Grad führen als zum Ziel von 1,5 Grad. Diese Bandbreite ist eine Projektion unter Annahmen – kein exakter Wetterbericht für das Jahr 2100. Sie zeigt aber, dass die Summe nationaler Zusagen und ihre erwartete Umsetzung noch nicht ausreichen.
Das Problem hat zwei Ebenen. Erstens sind manche Ziele zu schwach, um zusammen einen 1,5-Grad-Pfad zu ergeben. Zweitens werden auch bestehende Ziele nicht immer vollständig umgesetzt. COP31 muss deshalb Ambition und Vollzug verbinden: bessere nationale Beiträge, überprüfbare Zwischenziele, Finanzierung und Berichterstattung.
Klimafinanzierung ist mehr als eine Gesamtsumme
Schwellen- und Entwicklungsländer benötigen Kapital für saubere Energie, Anpassung an Klimafolgen und den Umgang mit Schäden. Bei Finanzierungszusagen zählt nicht nur die angekündigte Summe. Relevant sind auch Zuschüsse gegenüber Krediten, Zugangsvoraussetzungen, private Hebel, Schuldentragfähigkeit und die Frage, ob Mittel tatsächlich zusätzlich fliessen.
Für die Schweiz entsteht eine doppelte Glaubwürdigkeitsprüfung. Sie tritt international als Finanzplatz und Geberstaat auf, während ein beträchtlicher Teil der globalen Investitionen über private Institute läuft. Eine belastbare Position sollte deshalb offenlegen, welchen Anteil öffentliche Mittel leisten, welche privaten Investitionen angerechnet werden und welche Qualitätskriterien gelten.
Auslandsminderungen brauchen eine Qualitätsprüfung
Die Schweiz will ihr Ziel primär im Inland erreichen, kann aber internationale Klimakooperation nutzen. Solche Minderungen sind nur glaubwürdig, wenn sie zusätzlich sind: Das Projekt darf nicht ohnehin aufgrund bestehender Gesetze oder normaler Wirtschaftlichkeit umgesetzt worden sein. Ebenso muss verhindert werden, dass dieselbe Reduktion vom Partnerstaat und von der Schweiz gleichzeitig gezählt wird.
Weitere Prüfpunkte sind Dauerhaftigkeit, unabhängige Verifizierung und soziale Folgen. Ein Waldprojekt verliert seine Klimawirkung, wenn der gespeicherte Kohlenstoff später durch Feuer oder Rodung freigesetzt wird. Ein Energieprojekt kann rechnerisch Emissionen sparen und trotzdem lokale Gemeinschaften benachteiligen. Hochwertige Zusammenarbeit verlangt daher mehr als ein Zertifikat: öffentlich nachvollziehbare Methoden, Register, Korrekturmechanismen und eine klare Trennung zwischen inländischem Fortschritt und eingekaufter Wirkung.
Für die Schweizer 65-Prozent-Bilanz sollte jährlich ausgewiesen werden, wie viele Tonnen im Inland reduziert und wie viele international angerechnet wurden. Erst diese Aufteilung macht den Begriff «primär inländisch» überprüfbar.
Woran die Schweizer Delegation nach der COP gemessen werden sollte
- Wurden konkrete Umsetzungsbeschlüsse für erneuerbare Energie und Effizienz vereinbart?
- Gibt es nachvollziehbare Regeln zum Übergang weg von fossilen Energien?
- Wurden Transparenz und Vergleichbarkeit der nationalen Klimapläne verbessert?
- Sind Finanzierungszusagen zugänglich, überprüfbar und qualitativ ausgewiesen?
- Welche Konsequenzen zieht die Schweiz für ihre eigenen Sektorpfade bis 2035?
Die COP31 ist deshalb kein einzelner Gipfelmoment, sondern ein Prüfpunkt. Vor Antalya muss klar sein, was die Schweiz von anderen Staaten verlangt. Nach Antalya muss ebenso klar sein, was sie zu Hause zusätzlich tut. Das 65-Prozent-Ziel ist ambitioniert genug, um als internationale Position Gewicht zu haben – aber nur, wenn jährliche Emissionsdaten, konkrete Massnahmen und Finanzierung zeigen, dass der Pfad nicht erst auf dem Papier beginnt.
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Quellen
- Eidgenössisches Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation UVEK: Bundesrat verabschiedet Schweizer Mandat für die COP31
- UN Climate Change UNFCCC: UN Climate Change Conference COP31
- Bundesamt für Umwelt BAFU: Internationale Klimapolitik der Schweiz
- Schweizerische Eidgenossenschaft bei UNFCCC: Switzerland second NDC 2031–2035