Stan Wawrinka: Die grosse Kunst, noch einmal weiterzuspielen
Drei Grand-Slam-Titel, grosse Comebacks und ein letztes Profijahr: Was Stan Wawrinkas Weg besonders macht – erzählt an den entscheidenden Momenten.

Ein abgewehrter Matchball kann in einer Karriere wichtiger sein als der Moment mit dem Pokal. Bei den US Open 2016 stand Stan Wawrinka in der dritten Runde gegen Dan Evans kurz vor dem Ausscheiden. Im Tiebreak des vierten Satzes rettete er sich mit einem kurzen Volley, erzwang später den Entscheidungssatz und gewann. Am Ende des Turniers hielt er seinen dritten Grand-Slam-Pokal in den Händen.
Die Szene ist ein guter Einstieg in sein Porträt. Wawrinkas grösste Erfolge erzählen von aussergewöhnlicher Schlagkraft, aber auch von Turnieren, die unterwegs ganz anders hätten enden können. In seiner angekündigten letzten Profisaison 2026 lohnt sich deshalb ein Blick auf den ganzen Weg: auf die langsame Entwicklung, die grossen Siege und die Bereitschaft, auch nach schweren Unterbrechungen weiterzuarbeiten.
Der Weg an die Spitze brauchte Zeit
Wawrinka begann nach seiner ATP-Biografie im Alter von acht Jahren mit Tennis. 2003 gewann er den Juniorentitel in Roland-Garros, 2006 folgte in Umag sein erster Titel auf der ATP-Tour. Den ersten Grand-Slam-Triumph bei den Erwachsenen erreichte er 2014 bei den Australian Open.
Zwischen dem Erfolg als Junior und dem Sieg in Melbourne liegen elf Jahre. Diese Zeitspanne gehört zu seiner Geschichte, weil sie den Unterschied zwischen Talent und einem ausgereiften Spitzenspieler sichtbar macht. Ein frühes grosses Ergebnis bedeutete nicht, dass die nächsten Schritte automatisch folgten.
Nach dem Australian-Open-Sieg erreichte er Rang drei der Weltrangliste. Aus dem starken Schweizer Profi war ein Spieler geworden, der bei den grössten Turnieren um den Titel mitspielen konnte. Für den Blick auf sportliche Entwicklung ist das wertvoll: Auch innerhalb einer Elitekarriere gibt es unterschiedliche Geschwindigkeiten. Wawrinkas wichtigster Aufstieg setzte sich nicht einfach als geradlinige Fortsetzung seines Juniorenerfolgs fort.
Drei Titel gegen die Spitze des Welttennis
Die Reihe seiner Grand-Slam-Siege ist bemerkenswert: Australian Open 2014 gegen Rafael Nadal, Roland-Garros 2015 gegen Novak Djokovic und US Open 2016 erneut gegen Djokovic. In allen drei Finals besiegte er die damalige Nummer eins der Welt.
Damit gewann Wawrinka seine grössten Titel mitten in einer Epoche, die stark von Federer, Nadal und Djokovic geprägt war. Seine Erfolge sind als eigene Leistung zu betrachten. Sie brauchen keine Einordnung als blosser Nachsatz zur Karriere eines anderen Schweizer Spielers.
Besonders auffällig ist die Verteilung auf unterschiedliche Bedingungen. Melbourne und New York werden auf Hartplatz gespielt, Paris auf Sand. Für ein erfolgreiches Turnier müssen Spielrhythmus, Bewegung und Entscheidungen zur jeweiligen Aufgabe passen. Dass Wawrinka an diesen Orten gewinnen konnte, zeigt die Breite seiner Möglichkeiten auf höchstem Niveau.
Paris 2015: Der Mut, beim eigenen Spiel zu bleiben
Der Rückblick von Roland-Garros zum zehnten Jahrestag beschreibt, wie anspruchsvoll die Ausgangslage vor dem Final 2015 war. Djokovic kam mit 28 Siegen in Folge in die Begegnung. Wawrinka hatte seinerseits bereits Federer im Viertelfinal und Jo-Wilfried Tsonga im Halbfinal geschlagen.
Nach verlorenem ersten Satz gewann der Schweizer 4:6, 6:4, 6:3, 6:4. Der offizielle Turnierbericht hebt dabei besonders seine kraftvolle Rückhand hervor. Nach dem Match sagte Wawrinka, er sei nervös gewesen und habe dennoch weiter die beabsichtigten Schläge gespielt.
Darin steckt eine interessante sportliche Qualität. Mut bedeutet im Tennis nicht, wahllos härter zu schlagen. Er zeigt sich auch darin, unter Druck an einer vorbereiteten Entscheidung festzuhalten. Wer zuschaut, kann bei Wawrinka besonders auf den Übergang achten: Wann schafft er sich Zeit für die Rückhand, und wann nutzt er diesen Moment, um selbst die Initiative zu übernehmen?
Seine einhändige Rückhand ist deshalb mehr als ein schönes Bild. Sie ist Teil einer Spielweise, mit der er selbst die besten Gegner aus ihrer bevorzugten Ordnung bringen konnte.
New York 2016: Ein Titel beginnt nicht erst im Final
Der offizielle US-Open-Rückblick von August 2026 erinnert ausdrücklich an das enge Match gegen Evans. Wawrinka benötigte fünf Sätze und rund vier Stunden. In der entscheidenden Phase des vierten Satzes war der Abstand zwischen Weiterkommen und Heimreise minimal.
Auch im Halbfinal gegen Kei Nishikori musste er nach verlorenem ersten Satz reagieren. Er gewann in vier Sätzen und erreichte damit erstmals den Final in New York. Dort folgte der Sieg gegen Djokovic.
Diese Stationen machen den Wert des Titels konkreter. Eine Turniergeschichte besteht aus mehreren Aufgaben, die jeweils neu gelöst werden müssen. Der spätere Sieger weiss in der dritten Runde noch nicht, dass sich das Durchhalten auszahlen wird. Gerade deshalb bleibt der abgewehrte Matchball gegen Evans eine so anschauliche Szene: Die grosse Möglichkeit entstand daraus, den nächsten Ball noch einmal erfolgreich zu spielen.
Erfolge auch als Teil eines Schweizer Teams
Wawrinkas wichtigste Leistungen beschränken sich nicht auf Einzelturniere. 2008 gewann er gemeinsam mit Roger Federer in Peking olympisches Gold im Doppel. 2014 gehörte er zum Schweizer Davis-Cup-Siegerteam. Diese Erfolge sind in seiner ATP-Laufbahn ebenso fest verankert wie die grossen Einzeltitel.
Für ein Land, das Tennis lange besonders stark mit einem Namen verbunden hat, ist dieser Teil wichtig. Wawrinka war Mitgestalter gemeinsamer Schweizer Erfolge. Im Doppel und im Mannschaftswettbewerb entsteht eine zusätzliche Verantwortung: Die eigene Leistung wirkt unmittelbar auf einen Partner oder ein Team.
Das erweitert auch das Bild seiner Karriere. Neben dem Spieler, der einen langen Einzelmatch allein bewältigen muss, steht ein Athlet, der bedeutende Momente gemeinsam mit anderen erreicht hat. Beide Seiten gehören zu seiner sportlichen Identität.
Nach Unterbrechungen wieder antreten
Die ATP dokumentiert für August 2017 zwei Operationen am linken Knie und das vorzeitige Ende seiner Saison. Es war ein Einschnitt nach Jahren, in denen er regelmässig bei den grössten Turnieren angetreten war. Ein Comeback verlangt unter solchen Bedingungen mehr als die Rückkehr zu einem vertrauten Trainingsplan.
Im Januar 2026 berichtete die ATP auch darüber, dass Wawrinka im Vorjahr 29 Matches auf der Challenger-Tour bestritten hatte. Für einen mehrfachen Grand-Slam-Sieger ist das eine bemerkenswerte Bereitschaft, wieder auf einer kleineren Turnierebene anzutreten. Die früheren Titel ändern nichts daran, dass jeder neue Wettkampf gespielt werden muss.
Zu Beginn seiner letzten Saison gewann er beim United Cup gegen Arthur Rinderknech nach drei Stunden und 18 Minuten. Im begleitenden Interview betonte er, dass er weiterhin konkurrieren und seine Grenzen ausloten wolle. Das angekündigte Karriereende sollte den sportlichen Anspruch nicht ersetzen.
Was von Wawrinkas Laufbahn bleibt
Am 19. Dezember 2025 kündigte Wawrinka an, 2026 werde sein letztes Jahr auf der Tour. Damit ist die Saison ein bewusst gesetztes Schlusskapitel. Die besondere Qualität seiner Karriere lässt sich aber schon unabhängig vom letzten Match erkennen.
Sie liegt in einer Kombination, die selten so deutlich zusammenkommt: ein unverwechselbarer Schlag, die Fähigkeit zu grossen Leistungen gegen die stärksten Gegner und eine Entwicklung, die Rückschläge einschliesst. Seine Geschichte zeigt, dass ein später Höhepunkt einen langen Vorlauf haben kann und dass auch nach grossen Siegen kleinere Aufgaben wieder wichtig werden.
Wer sich einen einzigen Moment merken möchte, kann deshalb beim kurzen Volley gegen Evans bleiben. Kein Pokal, keine fertige Erfolgsgeschichte – zunächst nur ein Ball, der noch einmal im Feld landet. Von dort führte der Weg weiter. Genau dieses Weiterarbeiten macht Stan Wawrinkas Laufbahn so sehenswert.
Quellen und Stand
Stand: 15. September 2026.
- ATP: offizielle Biografie und Karriereübersicht
- ATP: Ankündigung der letzten Saison, 19. Dezember 2025
- ATP: Gespräch mit Wawrinka und Magnus Norman beim United Cup, 4. Januar 2026
- Roland-Garros: Rückblick auf den Final 2015, zum zehnten Jahrestag
- US Open: offizieller Rückblick auf den Titel 2016, 29. August 2026
- Tennis Europe: Wawrinkas erster Grand-Slam-Titel, 26. Januar 2014
- Olympedia: Doppelturnier der Olympischen Spiele 2008