Kultur

Nemo: Der musikalische Weg, der weit über den ESC-Sieg hinausgeht

Von Biel und der Schweizer Rapszene über The Code bis zum Album Arthouse: Nemos musikalischer Weg und die Entwicklung hinter dem ESC-Erfolg.

Nemo bei einem Auftritt im März 2024. Archivbild.
Nemo bei einem Auftritt im März 2024. Archivbild. Foto: Pedro J Pacheco · CC BY-SA 4.0. Bildausschnitt: 16:9.

Als Nemo 2024 den Eurovision Song Contest gewann, bekam eine lange musikalische Entwicklung einen weltweit sichtbaren Moment. Die 591 Punkte für «The Code» machten Schlagzeilen. Die Geschichte reicht jedoch davor zurück und danach weiter: zu einem Kind aus Biel, das verschiedene Instrumente lernte, zur Schweizer Rapszene und schliesslich zu einem Album, das eine eigene Klangwelt ausbreitet.

Wer Nemo nur mit dem ESC verbindet, kennt einen Höhepunkt, aber noch nicht den ganzen Weg. Gerade dieser Weg macht das Porträt interessant. Er erzählt von Fähigkeiten, die über Jahre zusammenkommen, von einem Wechsel der musikalischen Sprache und von der Aufgabe, nach einem aussergewöhnlichen Erfolg wieder eigene Entscheidungen zu treffen.

Vor dem grossen Wettbewerb standen viele kleine Bühnen

Nemo wurde 1999 in Biel geboren. Im offiziellen SRF-Dossier zum ESC wird eine Kindheit mit Violine, Klavier und Schlagzeug beschrieben. Mit 13 folgte ein Engagement im Musical «Ich war noch niemals in New York». Musik war damit schon früh mehr als ein einzelnes Genre oder ein bestimmtes Instrument.

Die offizielle Eurovision-Vorstellung ergänzt eine konkrete Episode: Nemo erzählte dort von Auftritten mit der Violine in einer Bergbahn als Kind. Solche Erfahrungen sind etwas anderes als ein professioneller Wettbewerb, enthalten aber bereits die unmittelbare Begegnung zwischen Musik und Zuhörenden. Eine Darbietung bekommt plötzlich eine Reaktion.

Interessant ist diese Vorgeschichte auch deshalb, weil sich vielseitige Fähigkeiten später leicht hinter einem einzigen Etikett verstecken. Nach einem grossen Hit scheint manchmal alles auf genau dieses Lied zugelaufen zu sein. Tatsächlich können verschiedene Ausdrucksformen nebeneinander wachsen und erst viel später eine neue Verbindung eingehen.

Beim Blick auf Nemos Entwicklung lohnt es sich deshalb, Instrumente, Rap, Gesang und Bühnenarbeit zusammenzudenken. Keine dieser Stationen erklärt den späteren Erfolg allein. Gemeinsam machen sie verständlich, warum ein Song mit unterschiedlichen musikalischen Teilen zu einem glaubwürdigen persönlichen Ausdruck werden kann.

Die Schweizer Vorgeschichte war längst ein Erfolg

Für das internationale Publikum wirkte Nemo 2024 möglicherweise wie eine Entdeckung. In der Schweiz gab es bereits Jahre zuvor wichtige Stationen. SRF dokumentiert den Auftritt in der Cypher 2016 und den anschliessenden Erfolg eigener Veröffentlichungen. 2018 kamen gleich vier Swiss Music Awards hinzu.

Die damaligen Auszeichnungen umfassten unter anderem den Livebereich und «Du» als besten Hit. Das zeigt, dass die öffentliche Anerkennung bereits mehrere Seiten der Arbeit betraf. Es ging um Songs und um Auftritte, um neue Aufmerksamkeit und um die Fähigkeit, Menschen musikalisch zu erreichen.

Für junge Musikerinnen und Musiker steckt darin eine hilfreiche Perspektive: Eine Karriere kann schon Substanz haben, bevor ein internationales Publikum sie wahrnimmt. Regionale Szenen, Dialekt und lokale Radioplattformen sind keine blosse Warteschleife. Dort entstehen Erfahrungen und Beziehungen, die auch dann wertvoll bleiben, wenn sich später die Sprache oder der Markt verändert.

SRF beschreibt ab 2020 eine Hinwendung zum Englischen und zusätzliche Arbeit am Schreiben für andere. Ein solcher Wechsel bedeutet, sich erneut mit Ausdruck auseinanderzusetzen. Eine vertraute Formulierung trägt in einer anderen Sprache nicht automatisch. Rhythmus, Klang und Bedeutung müssen neu zusammenfinden.

«The Code» bündelte verschiedene Seiten

Das offizielle ESC-Dossier beschreibt «The Code» als Verbindung von Rap, Drum and Bass und Oper. Zugleich geht es in dem Lied um Nemos persönlichen Weg zu einer Identität ausserhalb einer rein binären Geschlechterordnung. Musikalische Vielfalt und persönliche Aussage stehen hier nebeneinander.

Man muss nicht jede Erfahrung teilen, um die Idee dahinter zu verstehen: einen Ausdruck finden, der sich passend anfühlt, statt ausschliesslich vorhandene Erwartungen zu bedienen. Darin liegt ein nachvollziehbarer Zugang zu dem Lied auch für Menschen, die sich sonst wenig mit dem ESC beschäftigen.

Das Wettbewerbsergebnis vom Mai 2024 ist dokumentiert. Nemo gewann mit 591 Punkten; davon kamen 365 von den Jurys und 226 aus der Publikumsabstimmung. Für die Schweiz war es nach 1956 und 1988 der dritte Sieg. Die Zahlen erklären nicht die gesamte Wirkung eines Songs. Sie zeigen aber, wie breit dieser eine Auftritt im konkreten Wettbewerb getragen wurde.

Ein grosser Moment hat dabei zwei Seiten. Er öffnet Türen und kann zugleich die öffentliche Wahrnehmung verengen. Plötzlich wird eine Person immer wieder an denselben Minuten gemessen. Umso spannender ist die Frage, was musikalisch danach folgt.

«Arthouse» erweitert die Geschichte

Am 10. Oktober 2025 erschien «Arthouse». Das Album umfasst 14 Titel. Die Veröffentlichung ist ein guter Ausgangspunkt für alle, die Nemo über den bekanntesten Song hinaus kennenlernen möchten: Ein Album bietet Raum für unterschiedliche Stimmungen und Entscheidungen, die in einem einzelnen Wettbewerbsbeitrag keinen Platz haben müssen.

Universal beschreibt die Platte mit Einflüssen aus Glam-, Electro-, Barock- und Art-Pop. In der Entstehungsgeschichte werden London und Paris sowie die Zusammenarbeit mit Mia Gladstone, Liam Maye und Pom Pom genannt. Das sind Angaben des Labels zur Produktion. Sie verdeutlichen, dass hinter der sichtbaren Person ein Austausch mit weiteren Kreativen steht.

Mit «Casanova» lässt sich einer der eigenen Videoauftritte direkt ansehen. Das offizielle Musikvideo ist hier eingebunden, damit neben der Beschreibung auch die Arbeit selbst ihren Platz bekommt.

Nemo – Casanova. Offizielles Musikvideo.

Ein guter Zugang zu einem solchen Album ist, nicht sofort nach einem zweiten «The Code» zu suchen. Interessanter ist, auf Unterschiede zu achten: Wo trägt eine Stimme den Song? Wo übernimmt der Rhythmus? Welche Atmosphäre entsteht durch Arrangement und Bildsprache? So wird aus einem bekannten Namen wieder eine musikalische Entdeckung.

Warum dieser Weg Mut machen kann

Nemos Geschichte lässt sich als Ermutigung lesen, ohne daraus ein allgemeines Erfolgsrezept zu machen. Niemand kann aus frühen Musikstunden einen ESC-Sieg ableiten. Sichtbar wird aber, dass unterschiedliche Fähigkeiten sich nicht gegenseitig ausschliessen müssen. Was zunächst wie ein Umweg wirkt, kann später Teil eines eigenen Ausdrucks werden.

Ebenso wertvoll ist der Gedanke, Entwicklung nicht mit Widerspruch zu verwechseln. Wer zuerst in einem bestimmten Umfeld bekannt wird, darf eine andere Sprache ausprobieren. Wer einen grossen Wettbewerb gewinnt, darf anschliessend Musik machen, die eine andere Aufgabe erfüllt. Ein Publikum kann diesen Weg begleiten, statt nur den bekanntesten Moment festzuhalten.

Für die Schweiz ist Nemo deshalb mehr als eine erfolgreiche Platzierung in einer internationalen Show. Die Geschichte verbindet eine zweisprachige Stadt, eine lokale Musikszene und eine weit darüber hinausreichende Öffentlichkeit. Sie zeigt, dass Eigenständigkeit aus einer konkreten Herkunft wachsen kann und trotzdem offen für neue Zusammenarbeit bleibt.

Der ESC-Sieg gehört zu diesem Porträt. Sein Reiz liegt jedoch in der Bewegung: Instrumente lernen, auftreten, schreiben, die Form verändern und nach einem grossen Erfolg weiterarbeiten. Wer Nemo heute entdecken möchte, findet deshalb nicht nur ein Siegerlied. Es gibt einen musikalischen Weg, auf dem sich genaueres Zuhören lohnt.


Quellen und Stand

Stand: 15. September 2026.