Hagel bis sechs Zentimeter: Unwetter verletzte Dutzende in der Schweiz
Eine aussergewöhnlich langlebige Superzelle zog am Freitagmorgen quer über die Nordschweiz. Hagel bis sechs Zentimeter, Orkanböen und Starkregen verletzten Dutzende Menschen und verursachten Millionenschäden.

Das Unwetter vom Freitag, 28. August 2026, hat zwischen dem Seeland und dem Bodensee eine breite Spur der Verwüstung hinterlassen. Besonders hart traf es die Kantone Solothurn, Aargau, Zürich und Schaffhausen.
Superzelle zieht quer über das Mittelland
Am Freitagmorgen zogen mehrere kräftige Gewitter entlang des Juras nach Nordosten. Die stärkste Zelle entwickelte sich zu einer langlebigen Superzelle und bewegte sich vom Seeland über den Aargau und das Zürcher Unterland bis zum Bodensee. Bis 18.30 Uhr registrierte SRF Meteo rund 53'000 Blitze. Lokal fielen Hagelkörner mit bis zu sechs Zentimetern Durchmesser. In Schaffhausen wurde eine Orkanböe von rund 142 Kilometern pro Stunde gemessen; in Hallau fielen innert zehn Minuten 23 Millimeter Regen.
Mehr als 40 Verletzte im Kanton Zürich
Besonders viele Verletzte gab es im Kanton Zürich. Nach bisherigem Stand wurden mehr als 40 Menschen durch grosse Hagelkörner verletzt, darunter zahlreiche Kinder. Die Einsatzleitzentrale von Schutz & Rettung Zürich nahm innerhalb einer halben Stunde 450 Notrufe entgegen: rund 300 Feuerwehr- und gut 150 Sanitätsnotrufe. Daraus resultierten fast 100 Rettungsdienst- und 280 Feuerwehreinsätze. Im Norden Winterthurs mussten zeitweise 20 Sanitätseinsätze gleichzeitig koordiniert werden. Behandelt wurden vor allem Platzwunden und Verletzungen nach Stürzen.
Frau in Solothurn schwer verletzt
Auch der Kanton Solothurn wurde schwer getroffen. Zwischen 9 und 12 Uhr gingen bei der kantonalen Alarmzentrale rund 290 Meldungen ein. In etwa 180 Fällen war Wasser in Gebäude eingedrungen; rund 110 weitere Meldungen betrafen umgestürzte Bäume, Windschäden und beschädigte Dächer. In Erlinsbach wurde eine 42-jährige Frau von einem umstürzenden Baum getroffen und schwer verletzt. Der Rettungsdienst brachte sie nach der Erstversorgung in ein Spital.
Acht Betonmasten knicken im Aargau ein
Im Aargau registrierte die Kantonspolizei bis gegen Mittag rund 240 Schadenplätze und bot mehr als 40 Feuerwehren auf. Einen Schwerpunkt bildete das Birrfeld. Nach der späteren Bilanz des Energieunternehmens Axpo knickten bei Birrhard entlang der A1 acht Betonmasten ein. Ein Mast beschädigte eine Freizeithalle, ein weiterer ein Gewerbegebäude. In mehreren Gemeinden fiel zeitweise der Strom aus. Auf der A1 erfasste der Sturm zudem einen Lastwagen, der auf einen Lieferwagen kippte. Beide Lenker blieben unverletzt.
Bahn- und Flugverkehr beeinträchtigt
Die Gewitter beeinträchtigten auch den Bahn- und Flugverkehr. Die Strecke Biel–Olten war wegen Unwetterschäden bis in den frühen Nachmittag unterbrochen; betroffen war zudem die Linie R55 bei Nyon. Am Flughafen Zürich führten wiederholte Gewitter und Blitze zu mehreren sogenannten Handling-Stopps, während derer die Arbeit auf dem Vorfeld aus Sicherheitsgründen ruhte. Bis zum späten Freitagnachmittag strich SWISS 85 An- und Abflüge. Rund 11'200 Passagiere waren betroffen, zahlreiche weitere Flüge verspäteten sich um bis zu drei Stunden oder länger.
Versicherer rechnen mit Millionenschäden
Das finanzielle Ausmass ist noch nicht abschliessend bekannt. Die Gebäudeversicherung des Kantons Zürich rechnete in einer ersten Einschätzung mit mehr als 2'000 Schadenmeldungen und einer Schadensumme von rund 30 Millionen Franken. Allianz Suisse erwartete insgesamt mehr als 10'000 Schadenfälle. Die Mobiliar sprach vom bislang mit Abstand schwersten Hagelereignis des Jahres und hatte bereits bis Freitagmittag weit über 1'000 Fahrzeugschäden sowie Hunderte Meldungen zu überfluteten Kellern und Schäden an Gärten und Umgebung erhalten. Da die Zahlen von unterschiedlichen Versicherern stammen, dürfen sie nicht addiert werden.
Warum das Unwetter so heftig war
Für die explosive Entwicklung kamen feuchte Luft, eine instabil geschichtete Atmosphäre und ein kräftiger Auslöser vor einer Kaltfront zusammen. In der Gewitterzelle hielten starke Aufwinde die Hagelkörner lange in der Wolke, sodass sie Schicht um Schicht wachsen konnten. Gleichzeitig erzeugte absinkende, durch verdunstenden Regen zusätzlich abgekühlte Luft lokal besonders heftige Böen – sogenannte Downbursts. Laut SRF Meteo tritt ein Hagelereignis mit Körnern dieser Grösse an einem bestimmten Ort statistisch nur etwa alle 30 bis 50 Jahre auf.
Eine definitive Bilanz liegt noch nicht vor. Versicherer rechneten mit weiteren Meldungen, auch die Schadenaufnahme dauerte an. Bereits die vorläufigen Zahlen zeigen jedoch: Das Unwetter vom 28. August zählt nach ersten Einschätzungen zu den schwersten Hagelereignissen des Jahres 2026.