Wissenschaft

Blatten: Was die neue Bergsturz-Studie erklärt – und was sie nicht vorhersagt

Forschende rekonstruieren den Bergsturz von Blatten mit Messdaten und Modellen. Weshalb das für Gefahrenkarten wichtig ist und wo Prognosen Grenzen haben.

Blatten nach dem Bergsturz: Luftaufnahme vom 30. Mai 2025.
Blatten nach dem Bergsturz: Luftaufnahme vom 30. Mai 2025. Foto: Federal Office of Topography swisstopo – Rapid Mapping · Attribution-Swisstopo.

Warum konnte sich die gewaltige Masse aus Fels und Eis bei Blatten so weit bewegen? Eine neue wissenschaftliche Untersuchung rekonstruiert den Bergsturz vom 28. Mai 2025. Sie soll helfen, die Dynamik solcher Ereignisse besser zu verstehen – und damit auch ihre möglichen Auswirkungen zuverlässiger abzuschätzen.

Das ist eine andere Aufgabe, als den nächsten Bergsturz auf den Tag genau vorherzusagen. Gerade bei einer Katastrophe wie Blatten ist diese Unterscheidung zentral. Eine überzeugende Erklärung im Rückblick ist wissenschaftlich wertvoll, aber noch kein Frühwarnsystem mit garantierter Trefferquote.

Was die Forschenden untersucht haben

Die am 7. September 2026 veröffentlichte Studie in «Communications Earth & Environment» beschäftigt sich mit der hohen Mobilität der Fels- und Eismasse. Das Team verbindet unter anderem Beobachtungsdaten und numerische Modellierung, um den Ablauf nachzuvollziehen. Im Zentrum steht, wie sich der Widerstand während der Bewegung verändert hat.

RTS griff die Arbeit am 15. September auf. Berichtet wird über eine Grössenordnung von rund neun Millionen Kubikmetern Material sowie zahlreiche kleinere Felsabbrüche vor dem Hauptereignis. Solche Vorläufer und die spätere Ablagerung liefern unterschiedliche Teile des Gesamtbilds: Was ging voraus, wie verlief die Bewegung und wo kam das Material zum Stillstand?

Ein Modell muss mehr können als gut aussehen

Eine animierte Lawine oder ein digital nachgebautes Tal ist anschaulich. Für die wissenschaftliche Aussage zählt jedoch, ob berechnete Abläufe mit unabhängigen Beobachtungen zusammenpassen. Ein Modell, das nur die richtige Endposition erzeugt, kann auf dem Weg dorthin trotzdem falsche Prozesse abbilden.

Deshalb sind verschiedene Messgrössen wichtig. Stimmen Ausbreitung, zeitlicher Verlauf und Ablagerungsmuster gemeinsam besser mit den Daten überein, ist das ein stärkeres Argument als ein einzelner optisch ähnlicher Ausschnitt. Auch dann bleibt die Frage, welche Annahmen verändert werden können, ohne dass das Ergebnis stark abweicht.

Blatten wird auch im Labor nachgebaut

Parallel berichtet die WSL über ein physisches Modell des betroffenen Geländes. Die Forschenden nutzen einen grossen, aus zahlreichen gedruckten Teilen zusammengesetzten Nachbau für Experimente mit unterschiedlichen Materialien. Damit lassen sich Vorgänge unter kontrollierten Bedingungen untersuchen.

Der Nutzen solcher Versuche liegt im Vergleich: Was passiert, wenn Zusammensetzung oder Ausgangsbedingungen verändert werden? Numerische Berechnungen und Laborversuche können sich dabei ergänzen. Keine der beiden Methoden bildet jedoch jeden Aspekt eines realen Berghangs vollständig ab.

Was Gemeinden von solcher Forschung haben

Für eine Gefahrenbeurteilung ist nicht nur wichtig, ob Material abbrechen könnte. Ebenso entscheidend ist, welchen Raum es danach erreichen kann. Eine bessere Beschreibung der Ausbreitung kann deshalb für Szenarien, Schutzmassnahmen und die Planung von Evakuierungen relevant sein.

Das bedeutet nicht, dass eine Gemeinde aus einer einzelnen Studie sofort neue Gefahrenzonen ableiten sollte. Dazu gehören ortsspezifische Daten, verschiedene Szenarien und die zuständigen Fachstellen. Die Forschung verbessert das Werkzeug; die konkrete Entscheidung braucht weiterhin eine sorgfältige Anwendung vor Ort.

Keine Anleitung für den nächsten Ausflug

Eine wissenschaftliche Veröffentlichung ist auch keine aktuelle Freigabe für Wege im betroffenen Gebiet. Für Besucherinnen und Besucher zählen die örtlichen Sperrungen und Informationen der Behörden. Aus einer neuen Simulation lässt sich weder ableiten, dass ein Hang jetzt sicher sei, noch dass ein weiterer Abbruch unmittelbar bevorstehe.

Der Fortschritt liegt darin, die richtigen Fragen präziser beantworten zu können. Blatten liefert dafür eine tragische, aber wichtige Datengrundlage: nicht für Gewissheit um jeden Preis, sondern für besser begründete Einschätzungen.


Quellen und Stand

Stand: 15. September 2026.