Alpha Amadou Käser: Zwischen Informatik, Boxring und dem Traum von Olympia
Zehn bis zwölf Trainings pro Woche, ein 60-Prozent-Pensum als Informatiker und das Ziel Olympia 2028: Alpha Amadou Käser erzählt, was ihn antreibt – und wer seinen Weg möglich macht.

Ein kleiner Fehler im Code kann einen stundenlang beschäftigen. Man sucht, probiert, korrigiert und beginnt noch einmal. Alpha Amadou Käser kennt diese Arbeit. Er ist Informatiker. Und er erkennt darin etwas wieder, das ihn auch im Boxring weiterbringt.
«Eine falsche Bewegung oder schlechte Angewohnheit verschwindet nicht nach einem Training», schreibt er in seinen Antworten an schweiz.blog. «Man muss sie hunderte oder tausende Male korrekt wiederholen, bis sie sitzt.»
Wer Alpha Käser nur in kurzen Videos oder nach einem gewonnenen Kampf sieht, bekommt diese Wiederholungen kaum mit. Dabei nehmen sie einen grossen Teil seines Lebens ein. Der Oltner, Jahrgang 2005, hat sich einen Alltag eingerichtet, in dem berufliche Verantwortung und sportlicher Ehrgeiz nebeneinander Platz finden müssen.
Ein Schulkollege, ein Boxtraining und ein neuer Anfang
Alpha ist in Olten aufgewachsen und lebt bis heute dort. Schon als Kind war er gerne in Bewegung. Eine Verletzung zwang ihn zu einer längeren Pause. Als er nach einer neuen sportlichen Herausforderung suchte, lud ihn ein Schulkollege zum Boxtraining ein.
Es wurde, so erinnert er sich, wahrscheinlich das anstrengendste Training seines bisherigen Lebens. Gleichzeitig merkte er, wo er körperlich stand und wie viel Entwicklung noch möglich war. Diese Erfahrung liess ihn wiederkommen.
«Von diesem Moment an habe ich freiwillig kein Training mehr verpasst.»
Wettkämpfe waren damals noch kein Ziel. Im Gegenteil: Anfangs konnte er kaum nachvollziehen, weshalb jemand freiwillig in einen Ring steigt und sich schlagen lässt. Er wollte zunächst in Form kommen.
Sein Trainer Nexhmi Zenuni liess ihn bald mit den Fortgeschrittenen trainieren. Beim ersten richtigen Sparring bekam Alpha zu spüren, wie viel ihm noch fehlte. «Ich stand danach mit Nasenbluten und Tränen in den Augen da und war vor allem von meiner eigenen Leistung enttäuscht.»
Von da an nahm er das Training noch ernster. Schon kurze Zeit später wollte er seinen ersten Wettkampf bestreiten.
Vom Jugendtitel zu internationalen Einsätzen für die Schweiz
Aus dem ersten Wettkampf entwickelte sich eine sportliche Laufbahn bei Classic Boxing Olten. Im September 2023 wurde Alpha Jugend-Schweizermeister. Ein Jahr später erreichte er in Basel den Schweizer Elite-Final bis 75 Kilogramm und wurde Vizemeister.
Auch international sammelte er Erfahrung: mit der Schweizer U22-Auswahl in Italien, beim Gee-Bee-Turnier 2025 in Helsinki und 2026 beim Algirdas-Socikas-Turnier in Kaunas. Jede dieser Begegnungen bedeutete eine neue Gelegenheit, das eigene Können unter anderen Bedingungen zu prüfen.
Besonders beschäftigt ihn bis heute ein früher internationaler Einsatz für die Schweiz. Nach seiner Erinnerung hatte sein italienischer Gegner bereits mehr als 100 Kämpfe bestritten. Alpha selbst stand damals bei ungefähr 13.
Was ihn beeindruckte, war die Selbstverständlichkeit der Bewegungen seines Gegenübers. Abläufe, über die Alpha noch nachdenken musste, kamen bei dem erfahrenen Boxer automatisch. Danach achtete er noch stärker darauf, Kombinationen und bestimmte Kampfsituationen so oft zu wiederholen, bis er sie ohne bewusstes Nachdenken abrufen konnte.
Der Heimkampf, der ihm besonders viel bedeutet
Der Schweizermeistertitel gehört für Alpha zu seinen grössten sportlichen Erfolgen. Emotional hebt er einen anderen Abend hervor: seinen Heimkampf 2025 in Olten.
Bei der zweiten Internationalen Boxnacht in der Oltner Schützi am 4. Oktober stieg er als einer der Hauptkämpfer vor Menschen in den Ring, die seinen Weg begleitet hatten. Familie, Freunde und Unterstützer waren da. In der zweiten Runde beendete er den Kampf gegen Andrin Wüthrich nach einem Körpertreffer vorzeitig.
Für Alpha blieb vor allem die Möglichkeit, diesen Erfolg zu teilen: «In meiner eigenen Stadt vor Familie, Freunden und Unterstützern zu kämpfen und diesen Moment mit ihnen zu teilen, hat ihn für mich besonders gemacht.»

Vertrauen in der Ringecke und Rückhalt zu Hause
Wer Alpha im Wettkampf verstehen will, muss auch von Nexhmi Zenuni wissen. Sein Trainer ist für ihn einer der wichtigsten Menschen auf seinem Weg. Alpha beschreibt ihn als jemanden, der weit über den Sport hinaus für ihn da ist, «wie ein Vater».
Für ihre Verständigung während eines Kampfes findet er ein Bild, das zu ihm passt: «Er hat den Controller in der Hand, und ich bin derjenige, den er steuert. Ich vertraue seinen Anweisungen im Ring vollkommen.»
Neben Nexhmi spielt auch sein Co-Trainer Marwan El Omami eine entscheidende Rolle auf seinem Weg. Er unterstützt ihn nicht nur in den täglichen Trainingseinheiten, sondern steht ihm auch bei internationalen Wettkämpfen zur Seite – sei es im Sparringscamp in Totana oder beim gemeinsamen Camp in Mexiko, wo sie von Gym zu Gym zogen.
Für Alpha ist klar: «Wenn Nexh in dem Ganzen mein Vater ist, dann ist Marwan definitiv mein älterer Bruder.»
Zu Hause ist seine Mutter seine grösste Unterstützung. Sie hilft bei der Ernährung, übernimmt organisatorische Aufgaben und gibt ihm mentalen Rückhalt. Alpha spricht darüber mit grosser Dankbarkeit.
«An jedem Erfolg, den ich feiern darf, hat sie ihren Anteil. Ohne sie wäre ich definitiv nicht dort, wo ich heute bin.»
Seine Mutter gehört auch zu seinen wichtigsten Motivationen. In seinen Antworten nehmen die Menschen, die seinen Alltag mittragen, genauso selbstverständlich Platz ein wie Wettkämpfe und Trainingslager.

Zehn bis zwölf Trainings pro Woche und eine Stelle als Informatiker
Im Sommer 2025 schloss Alpha seine Informatiklehre ab. Dass er die Ausbildung erfolgreich beendete und gleichzeitig seine sportliche Laufbahn aufbaute, macht ihn stolz. Er hatte in beiden Bereichen hohe Ansprüche an sich selbst.
Die digitale Welt fasziniert ihn schon lange, besonders die Möglichkeiten, etwas Eigenes aufzubauen und Probleme zu lösen. Mit dem Lehrabschluss verschwand diese Seite seines Lebens nicht. Er arbeitet weiterhin als Informatiker, inzwischen mit einem Pensum von 60 Prozent. Die Reduktion war eine bewusste Entscheidung, um dem Sport, der Vorbereitung und der Regeneration mehr Raum zu geben.
Seine Woche umfasst derzeit rund zehn bis zwölf Trainingseinheiten. An Arbeitstagen absolviert er die erste häufig schon vor Arbeitsbeginn. Nach Feierabend folgt ein kurzer Zwischenstopp zu Hause, dann geht es zur zweiten Einheit.
«Trotzdem bleibt die Kombination aus Leistungssport und Beruf eine tägliche Herausforderung und erfordert viel Planung und Disziplin», schreibt er.
Die Arbeit trägt auch seinen Sport mit. Kosten, die weder der Club noch das Nationalteam übernehmen, bezahlt er aus seinem Lohn. Dadurch bleibt besonders die Zeit knapp. Er muss Erwerbsarbeit, Training und Erholung aufeinander abstimmen und kann sich noch nicht vollständig auf den Leistungssport konzentrieren.
«Manchmal sucht man Stunden oder sogar Tage nach einem kleinen Fehler im Code.» Die Ausdauer bei solchen Problemen nimmt er aus der Informatik ins Boxen mit. Beide Tätigkeiten verlangen Geduld und die Bereitschaft, weiter nach einer besseren Lösung zu suchen.

Vier Sparringrunden und eine Begegnung mit Calvin Ford
Wie wertvoll es ist, sich in einer neuen Umgebung zu beweisen, erlebte Alpha in den USA. Dort lernte er Calvin Ford kennen, der als Trainer von Gervonta Davis bekannt ist.
«Anfangs hat er mich ehrlich gesagt kaum beachtet. Ich war dort einfach ein junger Boxer aus der Schweiz, den niemand kannte.»
Alpha forderte einen von Fords Profiboxern zu vier harten Sparringrunden heraus. Ford beobachtete das Training. Danach kam er zu Alpha und nahm, wie dieser erzählt, ein kurzes Video mit lobenden Worten für ihn auf.
Der Moment blieb ihm als Erfahrung, dass man sich Respekt in der Boxszene erarbeiten muss. Später absolvierte er auch ein Trainingscamp in Baltimore. Dort sparrte er in verschiedenen Gyms mit Profis, Landesmeistern und Boxern, die Erfahrung aus den US-Olympia-Trials mitbrachten. Die Begegnungen gaben ihm einen neuen Einblick in das internationale Niveau seines Sports.
Wie schweiz.work wertvolle Trainingszeit in Spanien ermöglicht
Auch das Sparring-Camp in Spanien war für Alpha eine intensive Lernerfahrung. Sieben Tage hintereinander stand er mit Boxern aus verschiedenen Ländern im Sparring. Körperlich und mental war das fordernd. Besonders in Erinnerung blieb ihm die Atmosphäre unter Athleten, die alle an ihrer Entwicklung arbeiteten.
Er beschreibt eine morgendliche Laufeinheit: Man steht auf der Bahn und läuft gemeinsam mit vielleicht 50 anderen Boxern, die dasselbe Ziel verfolgen. Dieses Umfeld motivierte ihn zusätzlich. Er beobachtete, wie andere Nationalteams trainierten und taktisch vorgingen, und übernahm anschliessend Übungen, Abläufe und Ansätze in sein eigenes Training.
Möglich wurde dieses Camp durch einen Partner, den Alpha ausdrücklich hervorhebt:
«Einer meiner wichtigsten Partner ist beispielsweise schweiz.work. Sie haben mir unter anderem das komplette Trainingscamp in Spanien finanziert.»
Die Partnerschaft zwischen Alpha Käser und schweiz.work ist langfristig angelegt. Auf der Athletenseite beschreibt schweiz.work die Unterstützung des Totana Sparring Camps und gemeinsame Einblicke in Alphas sportlichen Alltag.
Seine eigenen Antworten zeigen, was diese Zusammenarbeit für ihn praktisch verändert. Die Finanzierung nimmt ihm Druck und eröffnet Trainingsmöglichkeiten, die er sonst deutlich schwerer umsetzen könnte. Für einen Athleten, der einen grossen Teil seines Sports selbst bezahlt, schafft sie Raum, sich mit unterschiedlichen Gegnern zu messen und neue Erfahrungen nach Olten mitzubringen.

Auf Social Media zeigt Alpha Käser auch seine spielerische Seite
Auf Instagram und TikTok ist Alpha unter dem Namen alfadrom zu finden. Sein Auftritt gehört für ihn zum Aufbau seiner Bekanntheit als Athlet. Sportliche Leistung steht an erster Stelle; zusätzliche Reichweite kann ihn für Veranstalter, Sponsoren und später auch grössere Promotions interessant machen.
Als Beitrag, der ihn besonders gut beschreibt, nennt er ausgerechnet ein Tanzvideo. Darin kombinierte er einen bekannten Tanz mit Boxen. Der Clip war nicht besonders ernst gemeint, erreichte nach seinen Angaben aber plattformübergreifend inzwischen rund drei Millionen Aufrufe.
Dieser spielerische Umgang mit seinem Sport gehört zu ihm. Ebenso klar ist ihm, wie wenig ein kurzer Ausschnitt vom ganzen Alltag zeigt.
«Man sieht aber nicht die unzähligen frühen Morgen, harten Trainingseinheiten, Niederlagen, Verletzungen und Tage, an denen man trotzdem weitermacht.»
Auch ausserhalb des Boxens bleibt er gerne aktiv. Wenn Zeit für seine Kollegen ist, spielen sie Fussball oder Basketball, gehen schwimmen oder probieren spontan eine andere Sportart aus. Lange stillzusitzen, schreibt Alpha, sei nicht seine Stärke. Die gemeinsame Zeit schafft ihm einen Ausgleich zu einem Alltag, in dem das Boxen viel Raum einnimmt.
Los Angeles 2028: Sein grosses sportliches Ziel
Wohin diese Arbeit führen soll, sagt Alpha deutlich: Sein wichtigstes sportliches Ziel sind die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles.
«Die Olympischen Spiele gehören für mich zu dem Grössten, was man als Athlet erreichen kann. Mir ist bewusst, wie schwierig dieser Weg ist und wie viele Schritte noch vor mir liegen.»
Er will sich von Kampf zu Kampf und von Trainingslager zu Trainingslager weiterentwickeln, um sich diese Chance zu erarbeiten. Über eine mögliche spätere Profikarriere hat er ebenfalls nachgedacht. Konkrete Pläne möchte er dazu noch nicht vollständig öffentlich machen. Sein Fokus liegt auf dem Weg Richtung Olympia.
Dass er heute so über seine Zukunft spricht, war beim ersten Besuch im Gym keineswegs absehbar. Damals suchte er nach einer Möglichkeit, nach einer Verletzung wieder Sport zu treiben. Daraus wurden ein erster Wettkampf, ein Jugendtitel, internationale Einsätze und Entscheidungen, die inzwischen seinen Beruf und seinen Alltag prägen.
Alpha fasst diese Veränderung selbst am treffendsten zusammen: «Ich bin nicht mit dem Gedanken ins erste Training gegangen, irgendwann für die Schweiz international zu boxen oder von Olympischen Spielen zu träumen. Am Anfang wollte ich eigentlich nur wieder sportlich fit werden.»
Dieses Porträt basiert auf den schriftlichen Antworten von Alpha Amadou Käser an schweiz.blog und ergänzender Recherche. Die sportlichen Stationen sind über die verlinkten Verbandsquellen dokumentiert. Fotos: zur Verfügung gestellt.