Schweiz

743’000 Menschen in Armut: Was hinter den Schweizer Zahlen steckt

8.4 Prozent der Bevölkerung waren 2024 armutsbetroffen. Warum Erwerbsarbeit nicht immer schützt und welche Begriffe man auseinanderhalten muss.

Caritas-Markt. Pressefoto aus dem Caritas-Bildarchiv.
Caritas-Markt. Pressefoto aus dem Caritas-Bildarchiv. Bildquelle: Corinne Sägesser / Caritas Schweiz · Zur redaktionellen Verwendung freigegeben.

Rund 743’000 Menschen lebten in der Schweiz 2024 unter der statistischen Armutsgrenze. Das entspricht 8.4 Prozent der Bevölkerung. Die Centres sociaux protestants haben diese Zahlen am 16. September zum Anlass genommen, auf Lücken der sozialen Absicherung hinzuweisen. Besonders aufschlussreich: Auch rund 175’000 Erwerbstätige waren betroffen.

Die Meldung beschreibt Daten für 2024. Sie misst nicht die finanzielle Lage sämtlicher Haushalte im September 2026. Aktuelle politische Forderungen und der Zeitpunkt der zugrunde liegenden Statistik müssen auseinandergehalten werden.

Armut und Armutsgefährdung sind verschiedene Grössen

Caritas erläutert die vom Bundesamt für Statistik erhobenen Werte: Die Armutsquote betrachtet, ob das Einkommen für ein definiertes Existenzminimum ausreicht. Die Armutsgefährdung verwendet dagegen eine relative Einkommensgrenze. Wer in einer dieser Kategorien erfasst wird, muss nicht in der anderen statistisch identisch eingeordnet werden.

Für 2024 nennt Caritas eine durchschnittliche Armutsgrenze von 2388 Franken monatlich für eine Einzelperson und 4159 Franken für zwei Erwachsene mit zwei Kindern. Solche statistischen Referenzen ersetzen keine individuelle Berechnung einer Sozialhilfeleistung. Miete, Haushaltszusammensetzung und die Regeln der zuständigen Stelle spielen dort eine eigene Rolle.

Warum ein Arbeitsplatz nicht automatisch schützt

Die Zahl der betroffenen Erwerbstätigen widerlegt die Vorstellung, Armut betreffe ausschliesslich Menschen ohne Arbeit. Für einen Haushalt zählt nicht nur, ob jemand beschäftigt ist. Entscheidend ist auch, wie viel Einkommen insgesamt zur Verfügung steht und wie viele Personen davon leben.

Man kann das ohne pauschale Schuldzuweisung verstehen: Ein Stundenlohn sagt noch nichts darüber aus, wie viele bezahlte Stunden zusammenkommen. Ein ordentliches individuelles Einkommen kann in einem grösseren Haushalt anders wirken als bei einer alleinlebenden Person. Die Statistik erklärt allerdings nicht für jeden Betroffenen, welcher dieser Faktoren ausschlaggebend ist.

Was die Hilfsorganisationen kritisieren

Die protestantischen Sozialzentren weisen darauf hin, dass es in der Schweiz mehrere unterschiedliche Existenzminima gibt. Ihre Kampagne stellt die Frage, wie diese miteinander zusammenpassen und ob Menschen knapp oberhalb offizieller Schwellen ausreichend erreicht werden. Das ist eine sozialpolitische Forderung der Organisationen, kein bereits beschlossener Umbau des Leistungssystems.

Die Grenze einer Quote wird besonders bei unerwarteten Rechnungen sichtbar. Zwei Haushalte können ein ähnliches laufendes Einkommen haben, aber sehr unterschiedliche Reserven. Eine Statistik kann diese Alltagserfahrung nicht vollständig abbilden.

Wenn das eigene Budget nicht mehr reicht

Wer laufende Rechnungen nicht mehr decken kann, sollte seine Situation möglichst früh bei der kommunalen Sozialberatung oder einer anerkannten Sozialberatungsstelle klären lassen. Hilfreich sind aktuelle Einkommensnachweise, Mietvertrag, Krankenkassenrechnungen und eine vollständige Ausgabenübersicht.

Der erste Schritt ist eine konkrete Abklärung möglicher Leistungen und Verpflichtungen. Aus der landesweiten Armutsgrenze allein lässt sich weder ein persönlicher Anspruch noch dessen Höhe sicher bestimmen.

Quellen und Stand

Recherchestand: 16. September 2026. Zahlen und Verfahrensstände beziehen sich auf die jeweils genannten Erhebungs- und Meldedaten.